Weingläser traditioneller Formen geraten immer mehr in Hintertreffen, weiß man doch längst auch auf seitens des Konsumenten, dass es beim echten Genuss des Weines nicht auf das äußere Dekor, sondern auf die Grundform des Kelches, seine Proportionen, auf den Stiel auf die Glasdicke ankommt.

Farbe, Geruch, Geschmack und Harmonie

Über Jahrhunderte hat sich die Freude am geschliffenen und verzierten Glas erhalten, in welchem der Wein nur so gefunkelt hat. Schliff und Verzierung hatten auch einen anderen, einen praktischen Grund. Sowohl Glas als auch Wein waren nicht immer frei von Unreinheiten. Mit einem Schliff können Blasen und Schlieren beim Glas sehr elegant überspielt werden, und der Wein gewinnt durch die Lichtbrechung an Brillanz. Glas ist einer der ältesten Stoffe, die Menschen geschaffen haben. Das älteste Glasstück wurde in Ägypten gefunden, es soll aus der Zeit um 5000 v. Chr. Stammen. Über den Vorderen Orient gelangte die Glasmacherkunst – noch heute ist die genaue Zusammensetzung des Grundstoffgemisches der Glasmasse, das in Öfen bei 1400 bis 1500 Grad Celsius erhitzt und geschmolzen wird, das Geheimnis jeder Glashütte – nach Rom, von dort nach Gallien, Britannien und Germanien. Zentrum der mittelalterlichen Glasmacherkunst war Venedig. Im ausgehenden Mittelalter kam eine neue, uns noch heute sehr bekannte Glasform aus den Niederlanden und aus dem norddeutschen Raum auf, die im 17 Jahrhundert im Rheinland ihre Blütezeit erreichte: der Römer. Sein Name ist nicht von den alten Römern abgeleitet, sondern vom Zutrinken, dem >Rühmen<. In Holland hieß dies >roemer< und wurde im Rheinland phonetisch als >Römer< ausgesprochen. Was heute in Museen und Glasssammlungen zu bewundern ist, stellt meist nur die kunstvolle Spitze der Glasproduktion früherer Jahrhunderte dar. Die Pokale, Kelche und Prunkbecher dienten in erster Linie der Zierde und Zurschaustellung, sie wurden höchst selten wirklich benutzt.

Heute weiß man, dass Art und Form des Glases auf die Beurteilung eines Weines nach Farbe, Geruch, Geschmack und Harmonie von großem Einfluss sind. Die Unterschiede in der Sinneswahrnehmung sind frappierend. Der Wein entfaltet seine Güte nur im geeigneten Glas. Unser Jahrhundert, vor allem aber die beiden letzten Jahrzehnte haben einen großen Formenreichtum hervorgebracht. Es wurden Grundformen entwickelt, die heute als gültige Lösungen angesehen werden können. Als Pionier wirkte hier Professor Claus Riedel mit seiner Tiroler Glashütte in Kufstein. Jeder Weintyp, jeder Sortenwein unterscheidet sich nach Säure, Süße, Gerb-und Bitterstoffen sowie Aromastoffen. Um einen Wein wirklich genießen zu können, muss man den Sinnesorganen den Weg richtig bereiten, indem man ein sensorisch funktionelles Glas auswählt.

Das Auge trinkt mit

Für das Sehen muss der Trinkbehälter farblos und undekoriert sein, nur dann können Attribute wie Farbe, Klarheit und Mousseux (Entwicklung der Kohlensäure) optisch richtig wahrgenommen werden. Der lange Stiel eines Weinglases erfüllt nicht nur ästhetische Zwecke, denn die Hand soll den Wein nicht erwärmen und die Finger sollen keine unansehnlichen, die Beurteilung des Weines störenden Abdrücke hinterlassen. Sogar die weitere Distanz der Hand zur Nase ist Absicht: der Eigengeruch der Hand kann nicht mehr stören.

Weil man zuerst riecht, sollte das Glas nur zu einem Drittel, maximal halbvoll eingeschenkt werden, damit die Aromastoffen ausreichenden Duftraum haben. Gläser, deren oberer Rand wie eine Lilie geschwungen ist, die also nach oben weit geöffnet sind, eignen sich nicht gut für Weine mit feinen Duft- und Aromakomponenten. Hier verflüchtigt sich der Duft, bevor er in die Nase gelangt.

Die richtige Handhabung mit dem Glas

Ein ewiges Problem ist die sachgerechte Reinigung und Pflege des Glases. Nur als spülmaschinenfest bezeichnetes Glas ist maschinell zu spülen, und auch dann niemals bei Temperaturen über 60 Grad Celsius. Denn Hitze und Feuchtigkeit sind die größten Feinde des Glases. Bei der Reinigung von Hand ist darauf zu achten, dass kein Rest vom Spülmittel im Glas bleibt. Auch sollte man ein Weinglas keinesfalls kopfüber auf eine Unterlage zum Trocknen stellen, es könnte deren Geruch (Spülmittel- oder Weichspülergeruch von Gläsertuch oder Serviette) annehmen und dem Wein wieder mitteilen. Gläser sind sofort abzutrocknen, möglichst ohne sie mit den Händen in Gegenrichtung zu drehen, was zu Spannungen und leicht zum Bruch führen kann.

Darum empfiehlt das Bavinorese Team: „Das Gläschen in Ehren muss wirklich niemand verwehren, denn dann ist Wein gesund.“

Quellenhinweise aus: Heinrich Höllerl,/Alfred Schmitt, Das neue Buch vom Frankenwein © Echter Verlag Würzburg 2. Auflage 2000, S. 109- 112